
Leinenzieher – Warum Leinenführigkeit mehr ist als „bei Fuß“ laufen
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Leinenzieher – Warum Leinenführigkeit mehr ist als „bei Fuß“ laufen
Leinenführigkeit ist eines der häufigsten Probleme, mit denen Hundehalter*innen zu kämpfen haben. Der Hund zieht, bleibt stehen, entscheidet das Tempo und die Richtung – und das Gassi wird schnell zur Zerreißprobe. Doch bevor man an der Leinenführigkeit arbeitet, sollte man sich eine zentrale Frage stellen:
Wie ist es eigentlich zu Hause? Orientiert sich dein Hund im Alltag an dir – oder orientierst du dich öfter an ihm?
Orientierung – und damit auch die Leinenführigkeit – beginnt im Haus
Viele Hundehalter*innen erwarten, dass ihr Hund draußen brav an der Leine läuft und sich an ihnen orientiert. Doch im Alltag sieht es oft anders aus:
🐾 Der Hund fordert ein Spiel ein – und die Halter*innen machen mit.
🐾 Der Hund signalisiert Hunger – und wird gefüttert.
🐾 Der Hund wartet an der Tür – und jemand öffnet sie.
🐾 Der Hund stupst an – und wird gestreichelt.
All das ist völlig normal und auch ein Ausdruck von Zuneigung. Doch wenn der Hund den ganzen Tag darüber entscheidet, wann gespielt, gefüttert und interagiert wird, ist es nur logisch, dass er auch draußen den Ton angeben möchte – an der Leine.
Ein einfacher Test: Wer „bewegt“ wen?
Möchtest du herausfinden, wie das Verhältnis bei euch zu Hause aussieht – wie oft „bewegt“ dein Hund dich im Alltag und wie oft du ihn?
Dann probiere diese einfache Übung aus:
📋 Nimm eine Liste mit zwei Spalten – eine für dich, eine für deinen Hund.
✏ Setze einen Strich, wenn dein Hund dich „bewegt“ (z. B. weil er ein Spiel einfordert und du mitmachst).
✅ Setze einen Strich für dich, wenn du deinen Hund gezielt bewegst (z. B. mit einem Signal wie „auf die Decke“).
Nach ein paar Tagen zeigt sich ein klares Muster: Wer gibt eigentlich den Ton an?
💡 Wichtig:
Das Ziel ist nicht, dass man gar nicht mehr auf die Bedürfnisse des Hundes eingeht. Es geht darum, Bewusstsein zu schaffen und vielleicht den einen oder anderen zu motivieren, für einen besseren Ausgleich auf der Liste zu sorgen – oder gar den Anspruch zu haben, die Liste anzuführen.
Wie kann man den Ausgleich aktiv verbessern?
🔹 Der Mensch entscheidet, wann gestreichelt wird – nicht immer sofort, wenn der Hund es einfordert.
🔹 Erwartungen auch mal bewusst nicht erfüllen – das stärkt die Frustrationstoleranz, ein wichtiger Punkt für die Leinenführigkeit und den Alltag.
🔹 Gassi nicht auf „Befehl“ des Hundes starten, sondern bewusst selbst den Zeitpunkt wählen.
🔹 Ruhiges Verhalten belohnen, nicht forderndes Verhalten.
🔹 Situationen bewusst lenken – zum Beispiel erst nach einer Ruhephase spielen, anstatt direkt auf einen spielauffordernden Hund einzugehen.
Diese kleinen Veränderungen können schon helfen.
Warum Orientierung drinnen anfängt
Konservativ geschätzt verbringen Hunde über 80 % des Tages im Haus (bei 3 Stunden Gassi täglich). Es ist also viel sinnvoller, Orientierung erst im häuslichen Bereich zu etablieren, bevor man sie draußen fordert.
Ein Hund, der im Haus gelernt hat, dass der Mensch ihm Orientierung gibt, wird sich auch draußen eher dran halten.
Orientierung draußen: Alltag und gezieltes Training
Natürlich kann – und sollte – man auch draußen an der Orientierung arbeiten:
🔹 Bewusst durch den Alltag führen
Viele Halter*innen lassen sich draußen unbewusst von ihrem Hund führen. Der Hund zieht nach rechts – die Person folgt. Der Hund bleibt stehen – die Person wartet.
💡 Tipp:
Versuche, bewusst die Richtung vorzugeben, anstatt dich einfach ziehen zu lassen. Entscheide an Kreuzungen selbst, ob es nach links oder rechts geht. Setze bewusst Pausen, anstatt immer dort stehen zu bleiben, wo dein Hund schnüffeln will.
Beitrag von Hundetrainerin Yasmine Vögele
Hundeschule Vögele
Homepage: https://www.hundeschule-voegele.de